Susanne Beyer: Palucca. Die Biografie.

Dies ist eine der besten Biografien, die ich je gelesen habe! Von der ersten bis zur letzten Seite war ich gefesselt, konnte eintauchen in die Lebensgeschichte dieser ganz besonderen Frau. Das Vorwort ist mit Ein deutsches Jahrhundertleben überschrieben, eine überaus treffende Formulierung für das, was die Leserin auf den kommenden 400 Seiten erwartet. Sie erlebt mit Gret Palucca eine Kindheit zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts,  geprägt von Kaiserzeit in Deutschland, Auswanderung nach Amerika und Rückkehr, eine Kindheit im Spannungsfeld von großbürgerlichen Ambitionen, Kunstinteresse und gescheiterten Träumen.
Mit der jungen Palucca tauchen wir ein in das künstlerisch aufgeschlossene Klima der Weimarer Republik. Palucca mit ihrem ungezügelten Temperament und ihrer hohen körperlichen Leistungskraft findet –  inspiriert und angeleitet von Mary Wigman – zum Ausdruckstanz, der ihr endlich den Freiraum eröffnet, den sie seit Langem gesucht hat.  Zu Beginn des Nationalsozialismus arrangiert sich die Tänzerin mit den neuen Machthabern,  erlebt mit den Olympischen Spielen in Berlin einen  neuen Höhepunkt ihrer Karriere, wird aber, als ihre jüdische Abstammung bekannt wird, in ihren Auftrittsmöglichkeiten eingeschränkt. Die Kriegsjahre verbringt Palucca in Dresden, überlebt auch das Bombeninferno in der Stadt, die ihr zur Heimat geworden ist und von der sie sich nie mehr lösen wird. Anschaulich wird dargestellt, wie Palucca nach dem 2. Weltkrieg schnell einen Weg findet, in der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR Anerkennung zu erringen. Für ihre Schule wird einer der ersten Neubauten im zerstörten Dresden errichtet. Als Tänzerin und Pädagogin ist sie für das Ansehen der DDR im Ausland bald so unentbehrlich geworden, dass sie Privilegien aller Art einfordern kann, bei Nichtgewährung droht sie kurzerhand mit der Ausreise in den Westen. Ohnehin pendelt sie ungehindert zwischen Ost und West. Selbst die Wende überlebt ihre Schule, selbst wenn Palucca immer mehr zu einer ehrfürchtig bestaunten Ikone wird. Gesundheitliche Probleme machen ihr immer wieder zu schaffen, sie ist betroffen, als sie von Stasi-Bespitzelung in ihrem nächsten Umfeld erfährt. Gefeiert wird sie immer noch – 1993 mit einer Trauerveranstaltung in der Dresdner Semperoper.
Wie es der Autorin gelungen ist, eine derart lebendige Biografie zu schreiben? Akribische Recherche, Erzählen der Lebensgeschichte eingebunden in zeitgeschichtliche Zusammenhänge und Konzentration auf Wesentliches und einen überschaubaren Kreis engster Bezugspersonen aus Paluccas Umfeld, ganz ohne das …und X sagte dann und dort dieses oder jenes zu/über Y, das mir häufig das Lesen von Biografien verleidet. Gern hätte ich mehr Biografien dieser Art, selbst wenn eine meiner Ikonen nun ein wenig demontiert ist…

Susanne Beyer. Palucca. Die Biografie. AvivA Verlag. Berlin.2009

gelesen von Elke Heinicke