Sushila_Mesquita: Ban Marriage! Ambivalenzen der Normalisierung aus queer-feministischer Perspektive.

Ambivalenzen der Normalisierung aus queer-feministischer Perspektive.

Das erste Sachbuch aus diesem noch jungen Wiener Verlag, das ich in den Händen halte, ist gut, ein kluges, inspirierendes, hinterfragendes Buch, dass es eine Freude ist, Seite für Seite den Gedankengängen zu folgen. Zugegeben, ganz fremd war mir das Thema nicht, diskutierten wir doch in den Jahren vor der Einführung der eingetragenen PartnerInnenschaft tage- und nächtelang das Für und Wider. Natürlich überwog das Wider bei Weitem, hatten wir doch die feministische Ehekritik im Rucksack. Anpassungsdruck für Lesben und Schwule, (ökonomische) Abhängigkeit, Entsexualisierung, Privilegierung von Zweierbeziehungen… all dies Kritikpunkte, die wir schon vor der Jahrtausendwende in die Waagschale warfen. Was Mesquitas Arbeit so lesenswert macht, ist die neue Perspektive.

Sie zeigt am Beispiel verschiedener Länder und verschiedener Lösungen – von Öffnung der Ehe bis zu diversen Sonderregelungen für Schwule und Lesben – welche der damals vorgebrachten Kritikpunkte sich auf welche Weise bewahrheitet haben bzw. ihre Wirkung auch in den nächsten Jahren noch zeigen werden. Im Fazit gibt sie einen Ausblick auf mögliche Lösungsansätze und nennt auch dort Forderungen, die nicht unbekannt sind:

  • Eliminierung unzeitgemäßer Regelungen des Eherechts wie das Alleinverdiener_innen-  bzw. Haupt- und Zuverdiener-innenmodell begünstigende Ehegattensplitting, wohingegen sinnvolle Elemente des Eherechts allen Beziehungsformen gemäß ihren Bedürfnissen zugänglich gemacht werden sollten bzw. die vollständige Abschaffung der Ehe
  • Schaffung flexibler Eintragungsmodelle zur rechtlichen Regelung und Anerkennung zwischen Angehörigen einer Wahlfamilie (bei Bedarf)
  • Entnaturalisierung von (rechtlicher) Elternschaft und Sorgerecht bei Bedarf für mehr als zwei Personen unabhängig vom Beziehungsstatus der Eltern

Das Ziel ist die weitestmögliche Auflösung von Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Erwachsenen und die größtmögliche Entscheidungsfreiheit bezüglich der Wahl des Lebensentwurfs. Und was braucht es dafür? Das bedingungslose Grundeinkommen, Individualbesteuerung, individuelle Kranken- und Sozialversicherung  und  Bleiberecht für alle.

Danke für die Bestandsaufnahme zu diesem noch immer brandaktuellen Thema!

 

Sushila_Mesquita: Ban Marriage! Ambivalenzen der Normalisierung aus queer-feministischer Perspektive,Zaglossus. Wien. 2011

gelesen von Elke Heinicke