Sybille Bedford: Treibsand. Erinnerungen einer Europäerin

Sybille Bedford, adlige Tochter, Bohemienne, Reisende, Flüchtende, Schriftstellerin und Gerichtsreporterin, Liebende, Lesbe. Die Aufzählung über die vielen schillernden Facetten dieser ungemein faszinierenden Persönlichkeit könnte mühelos mehrere Seiten füllen und jeder Leserin, die mehr erfahren möchte über eine Frau, die für mich ein Inbegriff der exzentrischen Engländerin geworden ist, seien ihre Lebenserinnerungen mit wärmsten Empfehlungen in die lesehungrigen Hände gelegt. Fast wie ein langes Gespräch liest sich dieses Buch, mit Rückblenden, dann mal wieder voraus eilend, ganz so, wie Erinnerungen sich eben einstellen. Und genau das macht das Lesen auch so ungeheuer lebendig, so mitreißend und sprühend.
Sie kann wunderbar erzählen, geistreich und stets mit einer gehörigen Portion Selbstironie, egal, ob es jetzt um ihre Kindertage in einem badischen Schlösschen, die tragische Beziehung zu ihrer drogenabhängigen Mutter, ihre amourösen Erlebnisse an der Côte d’Azur, die engen Freundschaften zu Erika und Klaus Mann oder Aldous und Maria Huxley geht. Eine der faszinierendsten Biografien, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, interessant, vergnüglich und ungemein spannend zu lesen. Denn wie schon gesagt, sie kann wunderbar mitreißend erzählen, diese dramatische und lebenssprühende Frau, die während des Zweiten Weltkrieges mal den Pudel von Thomas Mann quer durch die USA chauffieren musste und sich in den Erinnerungen so herrlich herablassend und wenig freundlich über den so sehr von sich selbst überzeugten Dichterfürsten äußert.

Sybille Bedford, Treibsand. Erinnerungen einer Europäerin, Piper Verlag, München 2008

gelesen von Jule Blum