Tatjana Kuschtewskaja: Die Wolga. Geschichte und Geschichten von Moskau bis Astrachan.

Mutter der russischen Flüsse wird sie genannt – die Wolga, die mit 3500 Kilometern Länge zwar nicht der längste Fluss Russlands, dafür aber Zeugin einer langen und wechselvollen Geschichte geworden ist, ein Spiegel der viel besungenen russischen Seele. Viele Male war die Geschichte des russischen Volkes auf das Engste mit diesem Fluss verbunden – nicht zuletzt als in Wolgograd die entscheidenden Schlachten des Großen Vaterländischen Krieges gefochten wurden.  Trauer und Hoffnung sind die diesen Ort bis zum heutigen Tag prägenden Stimmungen.

Das Buch geleitet die LeserInnen einem Reiseführer gleich vom prächtigen Moskauer Flusshafen über den Moskau-Wolga-Kanal  zur Quelle des Flusses, von Twer über Jaroslawl nach Nishni Nowgorod, vorbei an Tscheboksary bis zum Wolgadelta. Sachkundige Führerin ist Tatjana Kuschtewskaja, die als Drehbuchautorin und Journalistin unzählige Reisen in alle Regionen der ehemaligen Sowjetunion unternommen hat.  Ein besonders enges Verhältnis hat sie allerdings zur Wolga, die sie zwischen 1966 und der Jahrtausendwende immer wieder bereiste – mit Schiffen, Booten, per Bahn oder Flugzeug. Sie berichtet so persönlich über die Städte, Dörfer und Siedlungen, die am Ufer dahinziehen, wie es kein Reiseführer je könnte. Den LeserInnen begegnen der Liedermacher Wladimir Wyssozki, Anarchisten, Biber, die Malerin und Autodidaktin Ljubow Maikowa alias Oma Ljuba. In Twer werden verletzte Wildtiere gepflegt, zunehmend Eulen, deren Zähmung durch Harry-Potter-Fans fehlgeschlagen ist.  In Myschkin gibt es das einzige Mäusemuseum der Welt und gleichzeitig ist es die Heimat der Wodkakönige Smirnow.  Die Reise geht weiter zu den Plätzen, an denen Repins berühmte Gemälde von Wolgatreidlern entstanden. Sagen von Nymphen und „Nympherichen“ und die Geschichte der Bojarin Morosowa werden erzählt. Lackminiaturen und Lebkuchen entstehen am Wolgaufer und das Papier der Zeitung „Prawda“ wird hier hergestellt. Gänsekämpfe, Erholungsheime, Museen. Tschuwaschen mit ihrer Naturreligion, Udmurten mit ihren farbenfrohen Söckchen, Guslaklänge der Tataren. Stauseen und versunkene Städte. Dann wieder begegnen wir Maxim Gorki und Wladimir Uljanow Lenin, einem Stalin-Bunker. Es gibt ein Denkmal für den kyrillischen Buchstaben „Jo“, der übrigens von einer Frau erfunden wurde – Jelena Daschkowa, der ersten Präsidentin der Russischen Akademie der Wissenschaften. Nebenher gibt es noch Rezepte – Ebereschengelee, selbstgemachter Baileys, Fischsuppe Bischof-Ucha, Salzgurken.

Tatjana Kuschtewskaja hat viel zu erzählen. Und sie tut es auf eine leichte, anregende Art. Das Buch ist überaus unterhaltsam, vermittelt geschichtliche und landeskundliche Fakten auf eine Art, die eine außerordentlich angenehme  Reisebegleitung ausmacht. Einmal mit Tatjana Kuschtewskaja auf Reisen zu gehen, das  war mein Wunsch nach der Lektüre, schmeckte ich doch schon beim Lesen die Karamelbonbons „Goldenes Schlüsselchen“ auf der Zunge, der Roggenwodka brannte in der Kehle und ich roch das herunterbrennende Lagerfeuer  und hörte die Gitarren der Touristen, während die Wellen sanft ans Ufer schlugen.

Vorerst werde ich mich allerdings mit einem der Lieblingsfilme der Autorin zufriedengeben müssen – ich werde mich  mit der fröhlichen Briefträgerin „Strelka“ in der 1938 gedrehten Filmkomödie „Wolga – Wolga“ in die Fluten stürzen.

 

 

Tatjana Kuschtewskaja. Die Wolga. Geschichte und Geschichten von Moskau bis Astrachan. Wostok Verlag. Berlin. 2011

Gelesen von Elke Heinicke