Tatjana Kuschtewskaja: Liebe – Macht – Passion. Berühmte russische Frauen.

„Russland hat ein weibliches Gesicht.“ Das Buch kommt leicht und unterhaltsam daher, so wie eine Einladung zum Tee. Kuschtewskaja plaudert mit ihren Leserinnen, erzählt von berühmten russischen Frauen quer durch die Jahrhunderte geradeso, als wären sie allesamt gute Bekannte der Autorin. Auf der Grundlage einer profunden Sachkenntnis ist es gelungen, biografische Essays zu verfassen, die die Persönlichkeit der Vorgestellten lebendig werden lassen.

Rußland hat ein weibliches Gesicht. Diese Worte Nikolaj Berdjajews stellt die Autorin ihrem Buch voran. Fürwahr. Mit ihrer Auswahl der Porträtierten nimmt das Gesicht Russlands mit jeder Seite deutlichere Züge an. Herrscherinnen, Künstlerinnen, Abenteuerinnen, Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Philosophinnen, die das Gesicht von Mütterchen Russland nachhaltig prägten.

In jedem der Kapitel folgt auf eine einleitende Zusammenfassung von Leistungen und Bedeutung der jeweiligen Frau die Erzählung ihres Lebenswegs.

Nun, wie wäre es mit noch einem Tässchen Tee und dazu einer Geschichte von der Mathematikprinzessin Sonja Kowalewskaja, die in einer Zeit, da Frauen kaum Zugang zu Universitäten hatten, mit 24 Jahren promovierte und eine Lösung des Problems der Rotation fester Körper um einen Fixpunkt fand, an dem sich berühmte Mathematiker wie Euler die Zähne ausgebissen hatten. Oder kennen Sie Nadeshda Lamanowa, die glamouröse Modeschöpferin der vorrevolutionären Ära und Schneiderin der Zarenfamilie, die in der frühen Sowjetunion als Kostümbildnerin für das Wachtangow-Theater und Filmproduktionen erfolgreich war? Oder Nadeshda Krupskaja, die Ehefrau Lenins, Revolutionärin, Pädagogin, Bildungspolitikerin, die mit dem großen Lenin auf Augenhöhe diskutierte und Stalins Politik, insbesondere dessen Methoden der Kollektivierung der Landwirtschaft auf das Heftigste kritisierte.

In seiner 1000jährigen Geschichte wurde Russland 103 Jahre lang von Frauen regiert. Eine von ihnen war Großfürstin Olga, die eine entscheidende Rolle in der Christianisierung der Rus spielte, die Sophienkathedrale in Kiew errichten und Städte befestigen ließ sowie durch ihre geschickte Politik das Reich erstmals zur Großmacht erstarken ließ. Katharina die Große mit ihren zahlreichen Liebhabern, die sie förderte und deren Zukunft sie absicherte, war eine große Herrscherin, aber auch Verfasserin einer Fibel für Leseanfänger.

Was das Buch Liebe – Macht – Passion zu etwas ganz Besonderem macht, sind die zu jeder porträtierten Frau hergestellten persönlichen Bezüge der Autorin: Die Leserinnen schlendern mit ihr über den Moskauer Wagankowskoje- Friedhof zum Grab der Abenteuerin Scheindla Blüwstein-Solomoniak, auf dessen Sockel sich heute die russische Unterwelt verewigt, um den Beistand der Patronin zu erbitten. Kuschtewskaja erzählt, wie ihr einst in der Schulbücherei die zerlesenen Memoiren von Nadeshda Durowa in die Hände fielen, derjenigen, die als Mann verkleidet Kavalleristin im Krieg gegen das napoleonische Frankreich war und die erste Offizierin Russlands wurde. Und im nächsten Augenblick stellt sie den Zusammenhang zu deren Nachfahrin Natalija Durowa her, die aus der berühmten Dompteursdynastie stammend in den 90ern Leiterin des Moskauer Tiertheaters wurde.

Die Autorin erzählt von Walentina Tereschkowa, der ersten Frau, die in die Weiten des Kosmos eindrang, vom Weltraumabenteuer und davon, wie der Lebensweg dieser ungewöhnlichen Frau, die ich schon als kleines Mädchen bewunderte, weiter verlief.

So persönlich scheinen die mit der Leserin geteilten Erinnerungen, dass ich immer wieder in Versuchung gerate auch meine eigenen Geschichten zu erzählen: Wie eine meiner ersten Freundinnen mir bei Tee und Kerzenschein Nächte lang die Gedichte der Zwetajewa vorlas. Aber das wäre schon wieder eine neue Geschichte und dazu braucht es unbedingt noch ein Tässchen Tee. Tschajok jeschtscho budete?

Tatjana Kuschtewskaja: Liebe – Macht – Passion. Berühmte russische Frauen. Aus dem Russischen von Ilse Tschörtner. Grupello Verlag. 2010