Tereza Vanek: Chinatown.

Vanek, Tereza - Chinatown

Historische Lesbenromane sind immer noch rar. Umso spannender, wenn wir von einer Autorin in gänzlich unbekannte Welten entführt werden, in denen die lesbischen Plots angesiedelt sind. So geschehen im Erstlingswerk Tereza Vaneks Schwarze Seide, in dem die Liason zwischen der malenden russischen Gräfin und einer schwarzen ehemaligen Sklavin erzählt wurde, mit Exkursen zu Leibeigenschaft in Russland, Sinti und Roma, Quäkern und Körperbildern.

Auch im nunmehr zweiten Roman wird der Erzählbogen sehr weit gespannt: Es geht um die Liebesgeschichte zwischen der illegal in Hamburg lebenden chinesischen Prostituierten Mai Ling und der temperamentvollen Jazzsängerin Alexandra, die ganz am Anfang ihrer Musikkarriere steht. Über alle Hindernisse hinweg finden die Protagonistinnen zueinander, brechen am Ende des Romans in eine gemeinsame Zukunft in den USA auf. Mit diesem eher phantastischen Happy end ähnelt die Geschichte sehr dem Strickmuster des ersten Romans. Dieses Mal spielt die Handlung allerdings in den ausgehenden 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in Hamburg. Eingewanderte Chinesen leben dort in Chinatown, haben ihre Geschäfte, Restaurants und folgen ihren kulturellen Traditionen. Ihren Frauen und Kindern wird die Einreise verweigert. Mai Ling ist illegal ins Land gebracht worden, um für ihren chinesischen Zuhälter anschaffen zu gehen, denn exotische Frauen sind bei den deutschen Kunden beliebt. Die Handlung ist kompliziert, viele Personen sind mit ihren Interessen in das Schicksal der beiden Frauen verwoben. Vanek hat akribisch recherchiert, zeichnet ein umfassendes Zeitbild. Es geht um den aufkeimenden Nationalsozialismus, aber auch um Jazzmusik, moderne berufstätige junge Frauen, um Lesben, Homophobie, Frauenrechtsbewegung, Kommunisten, Prostitution, Juden, Sinti und Roma, Kokain, polnische Migranten in Deutschland und schließlich noch um die Modernisierungsbestrebungen in China und die politische Situation in England. Trotz der geschichtlich interessanten Fakten wäre etwas weniger hier bedeutend mehr gewesen. Für den Handlungsverlauf des Romans wäre eine Beschränkung des Faktenmaterials einhergehend mit  dem Herausarbeiten von schärferen Bildern und größerer sprachlicher Tiefe ein Gewinn gewesen.

Aber Lesespaß verspricht Chinatown allemal. Und eine Menge gelernt hat die Leserin am Ende. Und alles, alles geht so gut aus. Und da all dies so selten zu haben ist, hat man am Ende das Gefühl, am Hamburger Hafen zu stehen und Mai Ling und Alexandra mit dem Taschentuch alles Glück der Welt hinterherwinken zu wollen, während der auf den Wellen schaukelnde Dampfer langsam am Horizont verschwindet.

Tereza Vanek. Chinatown. Ulrike Helmer Verlag. Sulzbach/ Taunus. 2009

gelesen von Elke Heinicke