Tereza Vanek: Schwarze Seide.

Die Druckfarbe auf den Seiten dieses Romans war noch nicht ganz getrocknet, als er bereits heftige Diskussionen in der Leserinnenschaft auszulösen begann. Was war geschehen? Schon auf der ersten Lesung entzündeten sich die Kontoversen um die Frage, ob Schwarze Seide rassistisches Gedankengut transportiere. Mich erreichten diese Erregungswellen noch schneller, als das vom Verlag zugesandte Rezensionsexemplar. Umso aufmerksamer machte ich mich an die Lektüre.

Die Geschichte spielt im London des Jahres 1787 und handelt von der Liebesbeziehung zweier Frauen: der der jungen russischen Gräfin Natalja Serbinskaja und der Sklavin Sadie.

 

Natalja ist in einem liberalen Elternhaus in Prag aufgewachsen. Sie ist mit Leib und Seele Malerin, allerdings nach dem Tod des geliebten Vaters mittellos, bis ein reicher Freund und Gönner sie mit nach London nimmt. Dort besucht sie eine Prager Jugendfreundin aus guter Familie, die einen jungen Engländer geheiratet hat, der vom Ertrag seiner Plantage in Jamaika und vom Sklavenhandel lebt. Zofe der Jugendfreundin ist die Haussklavin Sadie. Natalja und Sadie fühlen sich bald zueinander hingezogen, auf eine rein sexuelle Annäherung folgt rasch emotionale Nähe und beide beginnen ihre Gedanken auszutauschen. Als sich die Ereignisse zuspitzen, verhilft Natalja ihrer Geliebten zur Flucht und am Ende gibt es für das Paar ein Happyend in einem kleinen Londoner Häuschen…

Die Handlung wird aus mehreren Perspektiven erzählt und von etlichen Nebensträngen, die mit der Haupthandlung verknüpft sind, begleitet. Inhaltlich geht es um das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Menschen. Nataljas Mutter war scharfe Gegnerin der Leibeigenschaft in Russland, Nataljas Freund, ein aufgeklärter russischer Adliger, sieht seine Verantwortung im Sorgen für die Leibeigenen auf seinem Gut, das Entlassen dieser rückständigen, abergläubigen Bauern hält er dagegen für verantwortungslos. Nataljas engste Vertraute ist lange Zeit Jelena, eine ehemalige Leibeigene, die der Vater im Spiel gewonnen hat. Jelena ist zum Familienmitglied geworden, beginnt später ein kleinbürgerliches Leben. Natalja muss sich mit all diesen Positionen auseinandersetzen. Dabei zieht sie Parallelen zur Versklavung von Afrikanern, ihrer unmenschlichen Behandlung auf den Schiffen und in den Kolonien. Sie sieht, wie erbärmlich freie weiße FabrikarbeiterInnen in London leben, erbärmlich, aber frei, genau wie die im Buch historisch korrekt Zigeuner genannte Gruppe.

In der Auseinandersetzung mit diesen Themen werden natürlich alle gängigen Klischees reproduziert und Misshandlungen, Folterungen deutlich beschrieben, was zugegebenermaßen nicht immer leicht auszuhalten ist. Rassistisch ist es allerdings nicht, sondern eine Auseinandersetzung mit Rassismen. Kein leicht zu lesendes Buch, aber akribisch recherchiert und damit ein überzeugendes Zeitbild.
Das Happyend vielleicht etwas zu glatt, aber verzeihlich, da der Roman seinen Ursprung in der Teenager-Schwärmerei der Autorin für die Fernsehserie Roots hatte.

Tereza Vanek. Schwarze Seide. Ulrike Helmer Verlag. Königstein/Taunus. 2007

gelesen von Elke Heinicke