Ursula Keller/ Natalja Sharandak: Abende nicht von dieser Welt. St. Petersburger Salondamen und Künstlerinnen des Silbernen Zeitalters.

Petersburg, eine Stadt, die auch mich schon bei unserer allerersten Begegnung verzaubert hat – weiße Nächte mit Musik auf allen Straßen, nicht enden wollende Nächte um den Jahreswechsel, erstaunliche Museen, weitläufige Prospekte und Plätze, romantische kleine Brücken über zahllose Kanäle, Parks hinter schmiedeeisernen Gittern, Kippbrücken im Mondschein, die Nähe des Meeres und der charmante Petersburger Dialekt mit seinem rasanten Sprechtempo. Petersburg war zu allen Zeiten etwas ganz Besonderes unter den russischen Städten – geliebt und geschmäht, bewundert und verachtet. Die Autorinnen erzählen von der wechselvollen Geschichte der Stadt an der Newa und entführen ihre LeserInnen dann in das Silberne Zeitalter, der Zeit zwischen ausgehendem 19. und beginnendem 20. Jahrhundert, als die Stimme von Frauen immer deutlicher vernehmbar wurde in der russischen Literatur und Kunst.

Wie in einem der zahlreichen Salons jener Epoche sind die bemerkenswerten Frauen alle versammelt auf den Seiten dieses großartigen Buches: die gefürchtete Literaturkritikerin Sinaida Gippius, die junge Talente förderte oder vernichtete. Die Schriftstellerin Lidija Sinowjewa-Annibal, berühmt für ihre skandalträchtigen Beziehungsexperimente sowie ihre lesbische Erzählung Dreiunddreißig Ungeheuer. Die Dichterin und spätere Anthroposophin und Kinderbuchautorin mit dem geheimnisumwitterten Pseudonym Cherubina de Gabriak. Die „Königin der russischen Literatur“ Anna Andrejewena Achmatowa, die die klangvolle Alliteration ihres Künstlernamens auf Khan Achmat, einem ihrer Vorfahren zurückführt. Die ihr ebenbürtige Dichterin Marina Zwetajewa, bekannt unter anderem durch den ihrer Geliebten Sofija Parnok gewidmeten Gedichtzyklus Die Freundin, die „russische Sappho“, die einzige russische Dichterin, die lesbische Liebe zum Inhalt ihres Werkes gemacht hat. Jewdokija Nagrodskaja, die Boulevardschriftstellerin mit riesigem Publikumserfolg. Die Graphikerin Anna Ostroumowa-Lebedewa, die den Holzschnitt wiederentdeckte und weiterentwickelte und phantastische Ansichten der Stadt Petersburg gestaltete, während ihre Künstlerkollegin Jelisaweta Kruglikowa die Technik der Farbradierung neu interpretierte. Die Malerin Sinaida Serebrjakowa, die Poträts sowie kühne Aktdarstellungen schuf und deren Entwürfe für Wandmalerien im Kasaner Bahnhof umgesetzt wurden. Die Ausdruckstänzerin Ida Rubinstein und die Theaterkünstlerin Natalja Gontscharowa, die mit den Ballets Russes weltberühmt wurden.

Auffallend emanzipiert sind sie alle, leben für die Kunst, lassen sich von keinen Hindernissen aufhalten. Sie spielen mit den Geschlechterrollen, überschreiten Grenzen, brechen Tabus. Einige lieben Frauen, andere versuchen, frei von Konventionen polygam zu lieben. Viele kleiden sich androgyn. Erstmals gelang es in jener Zeit den russischen Künstlerinnen sich Gehör zu verschaffen und als Berufskünstlerinnen Anerkennung zu finden. Es ist die Zeit der Salons, der kreativen Zusammenkünfte der russischen Intelligenzija, wie Zwetajewa es so treffend in ihrem Essay Ein Abend nicht von dieser Welt beschrieben hat. Und dank des wundervoll recherchierten, bebilderten und mit treffsicher gewählten Zitaten illustrierten Buches kann die Leserin ein wenig ins Silberlicht jener Abende eintauchen. Es ist, als spaziere man den Newskij entlang, höre die Glocken der Petropawlowskaja Festung und sehe in der Ferne die goldene Nadel der Admiralität in der Sonne aufblitzen.

Eine Empfehlung für alle Petersburg-Verliebten und für jene, die die Stadt kennen lernen möchten.

 

Ursula Keller/ Natalja Sharandak. Abende nicht von dieser Welt. St. Petersburger Salondamen und Künstlerinnen des Silbernen Zeitalters. AvivA Verlag. Berlin. 2003

 

gelesen von Elke Heinicke