Verena Stefan: Fremdschläfer

Wenn heute gestandene Lesben von ihrem Coming-out erzählen und von den Büchern, die sie in diesem Prozess begleitet haben, dann ist auf jeden Fall von Häutungen, dem 1975 erschienenen Prosaband Verena Stefans die Rede. Fast jede hat ein zerlesenes Exemplar im Bücherregal stehen, die Lieblingsstellen sind angestrichen. In den 90er Jahren gab es zwei weitere Veröffentlichungen, dann war es etwas stiller geworden, doch nun hat die Autorin sich zurück gemeldet mit einem bemerkens- und lesenswerten Roman.

Seit 2000 lebt Verena Stefan in Kanada und in ihrem neuesten Werk beschäftigt sie sich folgerichtig mit Fragen der Immigration, verleiht neuen Lebenserfahrungen einen literarischen Ausdruck. Der Titel des Romans Fremdschläfer bedient sich eines Begriffes, der in schweizerischen Institutionen verwendet wird, um Asylanten zu bezeichnen, die nicht an dem ihnen amtlich vorgeschriebenen Schlafplatz nächtigen. Mit dem Inhalt des Buches lässt sich der Titel meines Erachtens nur bedingt in Verbindung bringen, denn die Fremdheit der Migrantin ist selbst gewählt, sie ist keine Asylantin. Außerdem hat es die Autorin früher offensichtlich genauer genommen mit dem grammatischen Genus und der feministischen Sprache als heutzutage.

 

Dargestellt wird das Gefühl des Fremdseins. Die Ich-Erzählerin fühlt sich als Schweizerin fremd in Kanada, die dort gesprochenen Sprachen sind ihr fremd, ihre Liebste ist fremd, wenn sie in die Schweiz reisen, der Vater der Protagonistin war als Deutscher ein Leben lang ein Fremder in der Schweiz, der Knoten in ihrer Brust ist ein Fremdkörper, Operation sowie nachfolgende Chemotherapie machen sie zu einer fremdbestimmten Patientin und abermals zu einer Fremden unter gesunden Freundinnen. Erzählt wird keine Geschichte im eigentlichen Sinne, sondern Bilder und Gefühle werden aneinander gereiht, Stimmungen der Leserin mitgeteilt. Ein mutiger, betroffen machender, zarter und zugleich kraftvoller Roman einer in Sprache und Ausdruckskraft gereiften Autorin.

Verena Stefan. Fremdschläfer. Ammann Verlag. Zürich. 2007.

gelesen von Elke Heinicke