Vilja Limbach: Malthus’ Welt.

Vilja Limbach: Malthus’ Welt.

Vilja Limbach: Malthus’ Welt.bestellen… Seit mehr als 150 Jahren tot, spukt Malthus noch immer durch die Köpfe – und das beileibe nicht nur bei BWL-Studenten. Er war – zumindest in Europa – der erste Inhaber eines Lehrstuhls für «Politische Ökonomie» und im 19. Jahrhundert wohl der bekannteste Gesellschaftstheoretiker nach Marx. Mit seinen Beiträgen zur Produktions- und Geldtheorie  hat er ebenso Wissenschaftsgeschichte geschrieben wie mit seinen Theorien zur Bevölkerungsfalle (Die Bevölkerung wachse schneller als die Menge der produzierten Lebensmittel). Kritisiert wurde er dafür, den Armen die Schuld an ihrem Schicksal zu geben sowie das Privateigentum als eine Einrichtung zum Ansporn für den Einzelnen und für die gesellschaftliche Entwicklung zu begrüßen. So vielschichtig Thomas R. Malthus’ Theorien sind, er hätte nicht zwingend Namensgeber des Romans werden müssen. Manch anderer Name bis hin zu Herrn Hartz hätte sich angeboten und sich der Leserin leichter erschlossen.

So sollte sich aber keine von Titel oder etwas sperrigem Klappentext abhalten lassen: dahinter versteckt sich fesselnder Lesestoff, der besonders die Anhängerschaft von Marge Piercys Romanen begeistern wird.
Klara ist als Großfürstin des Fesal-Konzerns Alleinherrscherin über ein multinationales Gebilde, das die Institution des Staates in einem großen Teil der Welt abgelöst hat. Die BewohnerInnen von Fesal leben in einem kastenähnlichen System: Die Fesalfamilie an der Spitze, Freie – entweder mit mehr oder minder gut bezahlten Jobs oder völlig mittellos als Minimalkonsumenten in Slums –  und Arbeitsvermittelte, die nach einem strengen Auswahlverfahren eine Arbeit, Nahrung und Unterkunft gestellt bekommen, jedoch jegliche Bürgerrechte aufgeben. Arbeitsvermittelte haben durchaus die Möglichkeit, Bildung und höher gestellte Posten zu erhalten, sind allerdings rechtlos wie Sklaven und alle Privilegien können ihnen jederzeit wieder entzogen werden.

 

Die Geschichte ist  aus mehreren Erzählsträngen komponiert: Klaras Liebesgeschichte mit der Designerin Ivania, Rückblicke und Erinnerungen an Klaras Kindheit und Jugend, die Wissenschaftlerin, die nach einem Unfall nicht mehr leistungsfähig ist und ihre Existenz verliert, das Wissenschaftlerinnenpaar, das die minderjährige Malika benutzt wie ein Sexspielzeug, Klaras Ziehbruder, der als Vermittelter gleichzeitig Klaras uneingeschränktes Eigentum und ihr Generalbevollmächtigter ist, Macht und Ohnmacht in einer Person. Im Mittelpunkt steht Malikas Geschichte: Sie hat ihre Eltern verloren, ist nach einer Vergewaltigung genital verstümmelt, drogenabhängig, arbeitet als Sexualdienstleisterin und ernährt damit zwei Erwachsene – ihre sozialen Eltern. Sie wird Versuchsobjekt in der medizinischen Forschung und meldet sich danach bei der Arbeitsvermittlung, denn sie hat nur einen Wunsch: Sie möchte lesen und schreiben lernen. Als überdurchschnittlich intelligent fällt sie schnell auf und trifft bei ihrer Arbeit auf die Großfürstin. Klara fühlt sich von Anfang an von Malika provoziert, sie will das Mädchen vor sich und der Welt verstecken, aber es gelingt ihr nicht, weil Malika den Teil ihrer Seele verkörpert, den sie mit Macht verdrängt. Mit dieser Erkenntnis kann Klara nicht mehr weiter leben. Jedoch nimmt sie auch Malika mit in den Tod.

Eine lesbische Social Fantasy, bei der es kein Problem ist lesbisch zu sein. Allerdings eine Welt, die auf bedrohliche Weise zeigt, wohin neoliberale Entwicklungen führen könnten, wenn sie konsequent zu Ende gedacht werden. Ein Buch, dem ich eine große Leserinnenschaft wünsche!

Vilja Limbach: Malthus’ Welt. Mäzena Verlag. Bonn. 2008.

gelesen von Elke Heinicke