Walburga Hoff: Schulleitung als Bewährung. Ein fallrekonstruktiver Generationen- und Geschlechtervergleich.

Welche von uns hatte eine Schulleiterin im Gymnasium? Wie war es mit den Aussichten von Lehrerinnen auf eine Leitungsfunktion bestellt? Was macht eine erfolgreiche Schulleiterin aus?
Hoff gibt mit ihrem historischen Einstieg Antworten auf einen Teil dieser Fragen.
Sie leitet das 20. Jahrhundert mit Helene Lange ein, die  Schulleitung als pädagogische Aufgabe versteht, die Seele und Verstand erfordere. Deshalb seien insbesondere Frauen befähigt, diese Aufgabe zu übernehmen. Schulleitung als Ausdruck einer geistigen Mütterlichkeit der zöllibatär lebenden Lehrerinnen.
Erstmals wurde Frauen 1908 durch die Mädchenschulreform die Möglichkeit eingeräumt, das Leitungsamt einer höheren Mädchenschule zu übernehmen.
Im Ergebnis kam es zu zahlreichen Protesten der männlichen Lehrkräfte, die es als unzumutbar empfanden, unter der Leitung einer Frau zu stehen. Dessen ungeachtet kam es von 1922 bis 1933/34 zu einer steten Zunahme des Anteils an Schulleiterinnen – wohlgemerkt ausschließlich an Mädchenschulen – aufgrund der Gleichstellungspolitik der Weimarer Republik. Die nationalsozialistische Weiblichkeitsideologie stoppte diese Entwicklung, die sich jedoch nach Kriegsende begünstigt durch Lehrermangel und Entnazifizierung fortsetzte.
Im Hauptteil vergleicht Hoff Bedingungen für SchulleiterInnenkarrieren in den 60er und 90er Jahren. Bis in die 60er Jahre wurde weibliche Berufstätigkeit nur aus wirtschaftlichen Gründen oder als Übergangsphase vor der Ehe akzeptiert.
Als Begründung von weiterführenden Plänen musste Berufung und Einsatz für Gemeinwohl geltend gemacht werden. Erst im Laufe der 60er Jahre erfuhr weibliche Berufsarbeit allmählich eine Aufwertung, Abwertung der Hausarbeit ging damit einher und auch berufstätige Frauen blieben weiterhin für die Kindererziehung zuständig. Während die Zahl der Schulleiterinnen, die allerdings in der Regel auf Ehe und eigene Familie verzichteten, also zunächst durch die große Zahl an Mädchenschulen begünstigt anstieg, wurde diese Entwicklung in den 70er Jahre gestoppt, bedingt nicht zuletzt durch die Einführung der Koedukation und dem damit verbundenen Rückgang der Mädchenschulen.
Diese Entwicklung setzt sich bis in 90er Jahre fort, obwohl zunehmend Frauen Lehrerinnen werden, häufig jedoch wegen familiärer Belastungen in Teilzeit
arbeiten müssen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt auch in den 90er Jahren noch die größte Hürde für Bewerberinnen in Leitungsfunktionen dar, obwohl Mädchen längst die 50%-Marke an Gymnasien überschritten haben. Und alle Gleichstellungsprogramme haben bisher wenig daran geändert.
So interessant der erste Teil zu lesen war, so enttäuschend war der zweite:
Die dargestellten Fallanalysen entwickeln keine Bilder von Schulleiterinnen, auf die ich so neugierig war. Wie auch immer die angewandte Forschungsmethode heißen mag, für meinen Geschmack wurde zu spekulativ mit den Interviewsequenzen umgegangen, wurde zu viel um- oder hineininterpretiert. Sollten nicht die Befragten die Deutungshoheit über ihr Leben behalten?

Walburga Hoff. Schulleitung als Bewährung. Ein fallrekonstruktiver Generationen- und Geschlechtervergleich. Verlag Barbara Budrich. Opladen.2005

gelesen von Elke Heinicke