XiNRAN: Die namenlosen Töchter.

Aktuell zum Schwerpunkthema der Buchmesse 2009 führt uns dieser Roman in das moderne China. Doch schon beim Schreiben der ersten Worte wird klar, dass dieses Land schwer zu beschreiben ist. Es gibt so viele Wahrheiten zu berichten, von denen jede Sicht berechtigt ist und doch nur einen begrenzten Teil der Wahrheit enthalten kann. Schon ein banale Begriff wie „das moderne China“  wirft Fragen auf: Gibt es überhaupt gültige Aussagen über „das China“, wo doch Lebensweise und Wertesystem zwischen ländlichen Gegenden und der nächsten Stadt oft weit mehr differieren als zwischen Berlin, New York , Peking oder jeder mittelgroßen chinesischen Stadt?

Wanderer zwischen den Welten sind die chinesischen Wanderarbeiter, die aus den ländlichen Gebieten aufbrechen, um in der Stadt ihr Glück oder doch zumindest ein leidliches Einkommen zu finden. Erfordert dieses Wagnis schon von Männern viel Entschlusskraft und Mut, so ist es für Frauen ein ungleich schwererer Schritt. Während in den chinesischen Städten Frauen zunehmend selbstbewusster ihren Weg gehen, zählt die Geburt eines Mädchens im Dorf auch heute noch wenig. Eine Frau, die keine Söhne zur Welt bringt, die „keine Eier legen kann“, ist eine Schande. Töchter sind billige Arbeitskräfte, taugen aber nicht als „Dachbalken“ wie Söhne. Schwach wie Essstäbchen sind sie, Stäbchenmädchen werden sie abfällig genannt.

Die Autorin hat in Nanjing junge Wanderarbeiterinnen kennen gelernt und sie interviewt. Aus diesem Material entstand die Idee zum Roman. Er erzählt die Geschichte von drei Schwestern, denen der Vater aus Enttäuschung über die Mädchen-Geburten nicht einmal Namen gegeben hat. Nach der Reihenfolge heißen sie lediglich Drei, Fünf und Sechs. Eine weitere Schwester ist bereits verheiratet, eine beging Selbstmord, um der Zwangsverheiratung zu entgehen und eine weitere ist taubstumm und bleibt im Dorf. Drei, Fünf und Sechs müssen sich in der Stadt zurecht finden, sie machen unterschiedliche Erfahrungen, erfahren aber auch viel Unterstützung und Hilfe. Als sie zum nächsten Frühlingsfest mit Geschenken nach Hause fahren, wünschen sie sich nichts mehr als die Anerkennung ihrer Eltern. Auch wenn ihr Vater noch nicht endgültig überzeugt ist, so kann er am Ende doch zum ersten Mal sehen, dass seine Töchter ihm nicht nur Schande bringen, sondern in Zukunft das Dach tragen werden.

Ein sehr einfühlsames, unprätentiös erzähltes Buch, dass von einer Seite Chinas erzählt, die es nie in die Schlagzeilen schafft. Ein Buch, das erschüttert und doch gleichzeitig viel Mut macht.

 

XiNRAN. Die namenlosen Töchter. Knaur Taschenbuch Verlag. München. 2009

 

gelesen von Elke Heinicke