Zum Selbstverständnispapier

Das zum Kongress 2002 vorgestellte neue Selbstverständnispapier ist Ergebnis eines dreijährigen Diskussionsprozesses, an dem zahlreiche Mitfrauen in der einen oder anderen Form beteiligt waren.

20 Jahre Lesbenring sind 20 Jahre Geschichte, in denen sich auch die gesellschaftliche Realität von Lesben immer wieder verändert hat. Diese Veränderungen spiegelten sich in den vielen Gesprächen und Auseinandersetzungen und damit natürlich auch in unseren Positionen wieder.

Der Lesbenring ist insbesondere in den letzten zwei Jahren verstärkt in die politische Gremienarbeit eingestiegen, wie z.B. als Mitfrau im Deutschen Frauenrat oder beratend beim Bundesjustizministerium. Diese Arbeit ist uns wichtig, da sie lesbisch-feministischen Interessen eine größere Öffentlichkeit schafft. Andererseits sind unsere Forderungen auch im zwanzigsten Jahr des Bestehens radikal und unbequem, da feministisch. Und schon allein aus diesem Grund wird der Lesbenring auch in Zukunft eher eine „Randerscheinung“ in der „großen“ Politik bleiben, was wir allerdings lieber in Kauf nehmen, als ein „Anpassen“ unserer Forderungen und Positionen.

Wir behalten uns auch in Zukunft vor, selbst zu bestimmen, was wir als politisch definieren. Wir wollen beides: Sichtbarmachen von feministischen Lesben im öffentlichen und politischen Leben und die inhaltliche Arbeit an den von uns selbst gewählten Themen, lustvolles Streiten und Denken, auch wenn das heißen kann, der „großen“ Politik manchmal einen Korb zu geben.

Auf der politischen Bühne mitspielen zu wollen, bedeutet, Spielregeln zu akzeptieren, die wir eigentlich abschaffen wollten und wollen, was natürlich immer wieder zu Diskussionen und inneren Auseinandersetzungen auch im LR führt. Wie kann ein Verein hierarchiefrei arbeiten und gleichzeitig in einer hierarchisch organisierten politischen Welt erfolgreich agieren? Wir werden auch weiterhin unsere Politik abseits vom mainstream machen, was zwar anstrengender und unspektakulärer und mit Sicherheit weniger gefällig, aber durchaus befriedigend ist.

Wir lassen uns nicht ausschließlich daran messen, wie oft wir es auf die Seiten der Tageszeitungen schaffen oder wie sehr die Parteien uns wahrnehmen. In erster Linie sind wir ein Lesbendachverband für Lesben. Wir nehmen uns das Recht, unsere Werte selbst zu bestimmen und damit ein Stück Lesbenkultur zu schaffen.

 

Der Lesbenring arbeitet seit seinem Bestehen autonom, d.h., ohne staatliche Gelder, aber auch ohne Abhängigkeiten und Kontrolle. Das ist gut und lässt uns „eigensinnig“ arbeiten, begrenzt unsere zeitlichen und finanziellen Ressourcen aber entscheidend. Ein Kompromiss ist für uns die Beantragung von Projektförderungen, jedoch scheint lesbisch-feministische Politik nicht zuschussfähig zu sein, wie uns die Ablehnung aller Finanzanträge für den Kongress gezeigt hat.

Besonders intensiv und kontrovers wurde der Entwurf unserer Utopien diskutiert. Es war offensichtlich schwierig für in der heutigen Gesellschaft sozialisierte Lesben, konsequent alles Beschränkende beiseite zu schieben. Um den Boden für Ausgrenzung jeglicher Art zu beseitigen, müssen jedoch die Grenzen selbst fallen. So kann z.B. kein Antidiskriminierungsgesetz allein die Diskriminierung beseitigen, sondern der Begriff des Andersseins muss aufgelöst werden. Ohne die Kategorie des Andersseins gibt es kein Gefühl des Soseins, was sich für viele Lesben als eher bedrohlicher Gedanke erwies, denn Sosein ist Lesbischsein ist Identität und Heimat, wurde lange entbehrt, hart erkämpft und wird – oft auch gedanklich – nur ungern aufgegeben. Es ist sicher konsequent, dass der LR sich mit der Erfüllung aller Forderungen ebenso wie das Lesbischsein als politische Kategorie überflüssig machen wird, jedoch befinden wir uns zur Zeit erst an einem Punkt, an dem gerade ein Minimum an Emanzipation durchgesetzt ist und wir mit Recht stolz auf die ersten Schritte beim Aufbau einer Lesbenkultur sind.

Die Frage, wie Lesbischsein als politische Kategorie überflüssig werden kann, lesbische Kultur aber als Kontinuum erhalten bleibt, bietet sicher genügend Stoff für weitere Diskussionen.

Elke Heinicke